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Karneval verboten


GESCHICHTE

KARNEVALSVERBOT 1915

16.02.15

Sogar Konfetti und Luftschlangen waren untersagt

Keine "Lieder lustigen Inhalts": Im Ersten Weltkrieg verstanden die Behörden auch in den Hochburgen des rheinischen Karnevals keinen Spaß. Dabei war das Leben an der Heimatfront keineswegs leicht.
Von Leitender Redakteur Zeit- und Kulturgeschichte
Sven Felix Kellerhoff
Die fünfte Jahreszeit ist im Rheinland heilig. Überzeugte Karnevalisten halten es für unvorstellbar, dass ihre Sitzungen und Umzüge ausfallen, nur weil andernorts Krisen herrschen oder Kriege geführt werden.
Doch in Wirklichkeit ist die Absage der Festivitäten keineswegs ungewöhnlich. Denn immer wieder musste der Karneval ausfallen – allein im 20. Jahrhundert fast zwei Dutzend Mal, zuletzt wegen des Golfkrieges 1991. Den längsten Verzicht auf das närrische Treiben aber erzwangen der Erste Weltkrieg und die anschließende Besetzung des Rheinlandes durch britische und französische Truppen, von 1915 bis weit in die 20er-Jahre hinein.
Anhand des Dorfes Rheinbreitbach südlich von Bonn beschreibt der Archivar des örtlichen Geschichtsvereins Thomas Napp das Leben an der Heimatfront des Ersten Weltkriegs – einschließlich des Karnevalsverbots. Das Heimatheft "Ein Dorf im Großen Krieg – Quellen zur Geschichte Rheinbreitbachs 1914-1918" zeigt, welche Folgen die Materialschlachten an der West- und der verlustreiche Bewegungskrieg an der Ostfront daheim hatten.
Am 12. Februar 1915 erschien in der lokalen "Rhein-Wied-Zeitung" eine "Bekanntmachung bezüglich des Karnevals", die alle echten Rheinländer tief schmerzen musste: "1. Verbot von Ausschank von Branntwein, 2. Verbot von Versammlungen und Sitzungen, 3. Verbot des Tragens von Verkleidungen und Kostümen, 4. Verbot von Liedern karnevalistischen oder lustigen Inhalts, 5. Verkaufsverbot von Konfetti oder Luftschlangen."
Diese Anordnung begründete der General des VIII. Armeekorps in Koblenz, Julius Riemann, der während des Belagerungszustandes offiziell in Kooperation mit den zivilen Behörden für die innere Verwaltung zuständig war. Fröhliche Kundgebungen entsprächen nicht der "ernsten Zeit". Schon am 3. Februar war die entsprechende Anordnung ergangen. Dass sie wiederholt werden musste, deutet daraufhin, dass die Narren sich ihr zu entziehen suchten.
General Riemann jedoch konnte auch anders. Er ließ die Polizeistunde "auch auf geschlossene Gesellschaften" ausdehnen: "Sie ist unter Aufhebung aller Ausnahmen auf zwölf Uhr abends festgesetzt." Um Missverständnisse völlig auszuschließen, fügte er hinzu: "Soweit nicht durch örtliche Maßnahmen eine frühere Stunde bestimmt ist." Wer sich daran nicht hielt, wurde mit Strafe von bis zu einem Jahr Gefängnis bedroht.
Noch Ende 1914 hatten die Behörden gehofft, so ein formelles Vorgehen vermeiden zu können. Wenn auch an sich gegen diese volkstümlichen und althergebrachten Belustigungen nichts einzuwenden sei, berichtete die "Honnefer Volkszeitung" am 28. Dezember 1914, so passten sie doch nicht zum Ernst der gegenwärtigen Kriegszeit: "Von einem förmlichen Verbot soll vorerst abgesehen werden; doch wird die dringende Erwartung ausgesprochen, dass auf etwa geplante Veranstaltungen karnevalistischer Art diesmal allgemein verzichtet wird."
Offenbar aber hatte die Militärverwaltung ihre Rechnung ohne die rheinischen Narren gemacht, die ihre Tradition aufrechterhalten wollten. Also war Riemann ähnlich wie die Generäle anderer Armeekorps in der Heimat gezwungen, zu schärferen Maßnahmen zu greifen.

In München fiel das Oktoberfest aus

Natürlich war die Sorge um die "ernsten Zeiten" nicht der einzige Grund. Viel wichtiger dürfte gewesen sein, dass Karnevalsumzüge immer wieder Gelegenheit zu Kritik an der Obrigkeit boten. Derlei aber war in Kriegszeiten noch weniger willkommen als im Frieden.
In Rheinbreitbach hatten die örtlichen Narren vor dem Krieg zum Beispiel den Plan einer Elektrischen mit einem Karnevalswagen veralbert. Die Straßenbahn sollte Linz am Rhein mit Honnef verbinden und so auch den Orten Ausflügler aus Köln und Bonn bringen. Trotzdem war das Vorhaben nicht unumstritten gewesen.
Ob die Rheinbreitbacher tatsächlich die Politik der Regierung im Krieg auf die Schippe genommen hätten? Niemand weiß es, weil unter dem Druck der Strafdrohung der Karneval 1915 wie fast überall in Deutschland ausfiel.
Auf liebgewonnene Gewohnheiten mussten übrigens nicht nur die Rheinländer verzichten. In München etwa fiel schon seit Herbst 1914 das Oktoberfest aus. Immerhin: Diese Tradition wurde schon Ende 1919 wieder aufgegriffen – der erste Nachkriegskarneval in Rheinbreitbach dagegen fand erst 1925 statt.


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