Das Leben der Grimms im Clouthschen Hof


Das Leben der Grimms im Clouthschen Hof 1853


Karl Simrock und Ferdinand Freiligrath  - Zwischen Unkel und Menzenberg 1839-1841




 
Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

Zusammenfassung von Hermann Ottendorf, 1911:
"Häufig trafen die Freunde in dieser Zeit zusammen, entweder in Rolandseck, wo schon um 11 Uhr Mittag gegessen wurde, damit Simrock vor Einbruch der Dunkelheit wieder daheim sein konnte, oder Simrock lud den Freund mit dem Maler Schlickum von Menzenberg aus nach Honnef zum Mahle, zu dem sich dann noch der eine oder andere Freund gesellte, wie z. B. der "dem alten Herrn" wie aus den Augen geschnittene Enkel Goethes Wolfgang. 

Auch das alte Clouthsche Haus in Rheinbreitbach war oft der Treffpunkt für solche Zusammenkünfte und wurde von Simrock "Zu der Reizbaren" getauft, seitdem eine der Töchter des Hauses die Freunde in den Oberstock geführt und ihnen mit den vollkommen ernst gemeinten Worten: Ist das nicht eine reizbare Gegend? den herrlichen Blick auf das Siebengebirge und den Rhein gezeigt hatte. Zuweilen erschien Simrock auch in Unkel und blieb dort, da der Rückweg nach Bonn zu weit war, "eine Strolchenfelser Nacht", im Freundeskreise bei Wein und Gesang, bei heiteren und tiefernsten Gesprächen. Manchen Gang machte auch Freiligrath zum Menzenberg hinauf, wo Simrock als Herr seines Weingutes waltete, voll Behagen und tiefer Freude seine geistige Arbeit mit der Sorge für Haus und Hof vereinend."
[Die Reizbare war das Fräulein Wilhelmine Clouth (1821-1897), die später von ihren Eltern die Leitung des Gasthofes übernahm.]



Frühjahr 1853 - Karl Simrock empfiehlt den Grimms Rheinbreitbach 



Am 31. Mai 1853 schreibt Karl Simrock an Herman Grimm, den ältesten Sohn von Wilhelm und Dorothea Grimm (1795-1867). In diesem Brief wird erwogen, wo die Grimms Sommerquartier beziehen sollen. Godesberg, Königswinter, Honnef werden mit allen Vor- und Nachteilen hinsichtlich Lage und Quartier geschildert, dann aber wird Rheinbreitbach als günstiger Standort empfohlen:

"Bei Alt-Tillmann im Gasthaus Zum Siebengebirge [Honnef, Hauptstraße 42] findet man wohlfeile und gute Kost, Logis freilich nicht mehr [...]. Aber nun lassen Sie mich noch ein halb Stündchen weiter gehen, bis Rheinbreitbach, wo Rudolf sich wohl des ersten Hauses erinnert: bei Clouth, oder bei der Reizbaren. Ich weiß allerdings dem Verdachte nicht ganz aus dem Wege zu gehen, diesen Ort wegen der Nähe von Menzenberg in Vorschlag zu bringen. Aber Honnef liegt uns doch kaum weiter, und unsere Vorliebe für Breitbach beruht auf Vorzügen, die auch die Ihren anerkennen würden. Es ist sehr viel heimlicher und traulicher da, das Idyll wird nicht durch feine Staffage gestört, es ist keine Toilette nöthig, Gustelchen läuft im Morgenrock auf die Koppel oder auf das Horn und winkt der Mutter herab, die eben zum Schlaffenster herausguckt . Und welch ein Mittelpunkt ist Breitbach! Wie nahe bei Rolandseck, bei Honnef, bei Unkel! [...] dann freilich wären wir sehr stark daran interessiert, Sie nirgend anders als bei Clouths in Breitbach, her der Reizbaren untergebracht zu wissen [...] und das muß man der Reizbaren und ihrer Mutter nachsagen, daß man bei ihnen nicht wie im Wirtshaus lebt, sondern ganz als wenn man bei sich zu Hause wäre."



Frau Gertrud Ottendorf berichtet wie es damals im Clouthschen Hof bei den Grimms zuging:


Auf dem Plateau der Zickelburg stand ein Fachwerkhaus, das dem Gastwirt Wilhelm Clouth gehörte. 

Wilhelm Clouth (1821 -1897)
Quelle: Heimatverein Rheinbreitbach

Er verkaufte es der Tochter Wilhelm Grimms, Auguste Grimm. Sie bezog das Haus nie, denn, noch bevor es wohnlich hergerichtet war wurde es durch Brand zerstört. Deshalb wohnte Auguste Grimm sommers über im Gasthof der Geschwister Clouth, dessen Eingang von Rheinbreitbach lag. 

Auguste (Gustel) Grimm
Foto Simrocksches Familienalbum

Dort besuchten wir die Tante Gustel - nur eine halbe Stunde vom Hause "Parzival" bis zur Tante. Wir nannten den Clouthschen Gasthof "Zur Reizbaren", weil die Karoline Clouth auf diese Weise lobend bezeichnete: "Ei, meine lieben Herren, was sagt ihr zu sowas Schönes" sie meinte die schöne Aussicht auf das Siebengebirge. "Ist das nicht eine reizbare Gegend?"

In der Gaststube pflegte Wilhelm am Kopfende des Tisches mit seinen Gästen zu speisen, beim Nachtisch durften die beiden Dackel Tell und Waldau auf seinen Knien sitzen und kleine Leckerbissen verzehren. - In der Küche waltete Frl Min'chen Clouth. Sie ging schon recht gebückt einher; auf dem Kopfe trug sie ein weißes Häubchen, das das ganze Gesicht umrahmte. Hilfreich zur Seite stand ihr Johanna, ihre Nichte; allzeit sah man sie mit von der Glut des Ofens geröteten Wangen. Sie bereitete den Gästen des Hauses leckere und reichliche Mahlzeiten. - Hier erschien auch gerne der Schimmel Fritz, der selbst die Türe vom Hofe öffnete, um sein Stückchen Zucker in Empfang zu nehmen.

Carl und Johanna Clouth mit den Dackeln Tell und Waldow
Quelle: Heimatverein Rheinbreitbach

Ein wahres Kinderparadies war der Garten von Onkel Clouth. Er war der Gärtner des Hauses von dem wir reichlich Obst geschenkt bekamen.

Hinter dem Gasthof befand sich ein leise plätschernder Springbrunnen umgeben von tausend bunten durftenden Blumen. Dort befand sich eine kleine Voliere, von Zwerghähnchen und Hühnern bevölkert und neben ihr das Gehege eines kleinen Fuchses. Am allerschönsten war die ringsum führende Pergola, dicht bewachsen mit den allerschönsten Blumen und Traubengehängen.


Rheinbreitbacher Hof 1903 Garten



Rheinbreitbacher Hof 2015 ehemaliger Garten
Foto: Dankward Heinrich


Eine Sensation - wie bescheiden war man damals - bildete ein Fernrohr mit dem wir die Gäste auf dem Drachenfels beobachten konnten. 

Auf der anderen Seite der Straße stand das Haus, das Onkel Karl bewohnte, stolz "Villa Karoline" genannt. 

"Villa Karoline"?
Foto: Dankward Heinrich

Der Garten duftete weithin von Blumen und wunderbarem Obst. Da konnten wir nach Herzenslust schmausen. Onkel Karl Clouth sah uns dabei zu, mit behaglichem Schmunzeln hinter seinem weißen Bart und den buschigen weißen Brauen und den immer noch lustigen Augen unter seinem Samtkäppchen. Von ihm hörten wir das Schlagerliedchen : "Früchte an denen die Wespen nagen..."



Wilhelmine und Carl Clouth
Quelle: Heimatverein Rheinbreitbach

In dieser ländlichen Gegend fühlten sich die Grimms heimisch. - Herman Grimm, der berühmte Kunsthistoriker und Professor an der Berliner Universität wohnte an der Hauptstraße des Dorfes in einem Haus mit zwei Ecktürmen, das heute noch steht.
Quelle: Gertrud Ottendorf, Heimatkalender des Kreises Neuwied, 1957



Herman Grimm
Foto 1860er Jahre

(Leider steht heute (2012) das Haus nicht mehr. Gemeint ist das ehemalige Haus Hubertus, genannt auch Haus mit den zwei Türmen, Hauptstraße 45. Es gehörte damals zu den herausragenden Gebäuden Rheinbreitbachs, die das Dorfbild prägten. Es wurde wie andere Gebäude auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem damaligen Zeitgeist und Mammon geopfert. Heute steht an seiner Stelle die Volksbank Rheinbreitbach. Der Verfasser)



Herbst 1853, Wilhelm und Dorothea Grimm, Cloudtscher Hof


Im Herbst 1853 verleben Wilhelm Grimm und seine Frau Dorothea auf Einladung Karl Simrocks dann einige Wochen in dem unweit des Simrockschen Familiengutes Menzenberg gelegenen Rheinbreitbach. Jakob Grimm, den die Arbeit in Berlin festhielt, schreibt am 13. September 1853 an seine Schwägerin: „Liebes Dörfchen, ich freue mich, daß Du Dich immer mehr erholst, und das prächtige Herbstwetter heute und gestern, da kannst Du heilsame Spaziergänge machen. Die Rheinansichten sind doch ein anderes Ding als Euer Freienwalde, Harzburg und Friedrichsrode."
In den Worten Jakob Grimms klingt noch etwas von der Begeisterung nach, die das Rheinerlebnis vor vielen Jahren in seinem Herzen entzündet hatte. Der sonst keineswegs zu Überschwänglichkeiten Neigende trug damals in sein Tagebuch ein: „Der Rhein ist was gar Wunderbares, das sich nicht beschreiben läßt, aber so ganz zum deutschen Wesen gehört, daß wohl jedem das Herz schlägt, wenn er ihn zum ersten Male sieht und dann auf seinem smaragdgrünen Wasser hinabfährt." 
Frau Dorothea Grimm berichtete am 19. September 1853 ihrerseits dem Schwager Jakob getreulich über die Ferientage am Ufer des Rheins. In ihm erwähnt sie Remagen und die Apollinariskirche. „Diesen Morgen um 9 Uhr", schreibt Dorothea Grimm, „gingen wir zwei hier mit Simrocks, dem Professor Worner und seiner Frau und einem katholischen Geistlichen, einem sehr angenehmen Mann, nach Unkel, nahmen uns da einen Nachen und fuhren nach Remagen, sahen die sehr schöne Kirche, gingen noch etwas herum, aßen etwas Mitgebrachtes und fuhren mit dem Nachen nach Rheinbreitbach, wo wir keine Viertelstunde mehr zu gehen hätten. Um halb drei waren wir wieder hier. Es war ganz herrlich, der Rhein so ruhig und glänzend, die Sonne war beinahe zu heiß, die Ansicht auf den Berg, wo die Kirche steht, ist unbeschreiblich schön."


Dorothea (Dortchen) Grimm
Altes Foto 


Auch Wilhelm Grimm erwähnt diesen Ausflug in einem wohl gleichzeitigen Brief an den Bruder: „Gestern waren wir bei dem herrlichsten Wetter zu Remagen und auf dem Apollinarisberg. Um 9 Uhr fuhren wir mit einem Nachen aus und waren um 3 Uhr wieder zurück. Die gute Frau Simrock war in tausend Ängsten, wenn der Nachen ein wenig schwankte." 

Wilhelm (1786-1859) und  Jakob (1785-1863) Grimm


Oktober 1853 - Weinlese in Rheinbreitbach


20. Oktober: Heute hier Weinlese. Des Morgens wegen des ungünstigen Wetters nicht ausgegangen. Zu Tisch Dr. Menz und Frau aus Bonn. Spaziergang durch die Weinberge. Die gelben Blätter und die dunkeln fast schwarzen Trauben dazwischen. Dortchen und Frau Schäfer gingen in Clouths Weinland am Rhein. Wir gingen in die Weinkelter in Clouths Haus wo die Trauben gewogen wurden und dann gestampft. Wir ließen uns auch wiegen, ich war 149 Pfund schwer, Dortchen 110 und Gustchen 129. 

Quelle: Bernhard Lauer: Wilhelm Grimms Rheinreise im Sommer 1853, Rheinische Hefte für Kulturgeschichte, 1. Heft, Kassel und Bonn, 2004, 40



Dezember 1854 - Brief von Gustel Grimm an Agnes Simrock zum Breitbacher Wein


"Liebes Kind etwas möchte ich noch fragen, ob mir da der Vater nicht zu rathen weiß. Ende April bekamen wir ein Faß Rotwein aus Breitbach ebensoviel wie der Moselwein, es war damals sehr warm, vielleicht hab ich ihn nicht lange genug liegen lassen, er war beim Abziehen nicht ganz hell schmeckte aber gut, nachdem ungefähr 16 Fl. Davon waren, verbot der Doctor dem Wilhelm den Wein, er durfte wegen seinem Magen nur noch Bordeau trinken, er blieb also liegen, als wir nach Kösen gingen probierten wir ihn, da schmeckte er nicht gut - er ist nicht bitter, aber hat wie Bier einen Stich, das Rothe hat sich an die Flasche gesetzt und der Wein sieht hell aus - ich glaube, wir müssen uns darin baden."
Im Jahr 1855 ist in einem Brief auch wieder die Rede vom Wein. Er war so gut, daß man nachbestellen möchte.
Quelle: Franz-Josef Federhen: Gebrüder-Grimm-Schule zur Eröffnung, Hrsg. Ortsgemeinde Rheinbreitbach, 2000



Die alte Wetterfahne des Clouthschen Hofs
Quelle: Gestiftet dem Heimatmuseum Rheinbreitbach von Theo Lindener, Foto: Jürgen Fuchs



Der Clouthsche oder Rheinbreitbacher Hof 2011 von dem Koppel aus gesehen
Foto: Dankward Heinrich

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